Lillajul, die kleine Weihnacht

Als ich am Freitagabend in Mariehamn ankomme, ahne ich noch nichts von meinem Glück. Es regnet, der Wind bläst kräftig zur Begrüßung, und in der Hotelbar legt sich ein schwedischer Country-Sänger ins Zeug. Ich verkoste ein paar Tapas nach Julbord-Art, sozusagen einen repräsentativen Querschnitt durch das Weihnachtsbuffet, schließlich haben wir fast den ersten Advent.

Am nächsten Tag darf ich handwerklich tätig sein, und es geht nicht um Weihnachts-, sondern Silberschmuck. Gemeinsam mit Riita, die in Mariehamn lebt, wollte ich eigentlich nur mal kurz im ehemaligen Viertel der Fischer vorbeischauen, dem Sjökvarteret.

Im alten Viertel der Fischer

In einem der umgestalteten Bootshäuser fragt man mich netterweise, ob ich Hand anlegen möchte und die herzförmige Fassung für ein Stück roten Åland-Granits anfertigen möchte. Zögerlich willige ich ein. Eigentlich nur, weil Goldschmiedin Annie mir dabei zur Seite steht und jeden Schritt detailliert erläutert, wenn nicht sogar an ihrem eigenen Stück Silber vorhämmert.

Mein Herz für Åland nimmt also Gestalt an. Es existierte vorher schon, genauer gesagt, seit Ende August 2017, seit meiner Entdeckung von Havsvidden im Norden des Archipels. Nun bin ich wieder auf der Inselgruppe zwischen Schweden und Finnland gelandet. Und die kurzen Tage im Dezember stören mich nicht.

Rote Häuser gegen das Wintergrau. Adventslichter. Und ein neues Wort.

Ich sehe mich noch ein wenig im Museum um. Neben der Werkstatt hat die Goldschmiedin Maria, Gründerin von „Guldviva“ und Chefin von Annie nämlich Arbeiten und Einrichtungsstücke ihrer „Vorfahren“ ausgestellt. Die Kette der Goldschmiede-Lehrer lässt sich bis auf einen Zuwanderer aus Sankt Petersburg zurückverfolgen.

Ein Versuch als Goldschmiedin

Bei „Salt“, einem anderen Bootshaus-Geschäft, haben sich diverse Åländer Kunsthandwerker zusammengetan, um ihre Produkte feilzubieten. So kurz vor Weihnachten dominiert die Farbe Rot. Es gibt Teppiche, Schmuck, Weihnachtsdeko, Tischläufer, Holzkörbe, Seifen, Kerzen, Taschen und Geschirr. Alles handgemacht.

Winterruhe

Riita will mir den Weihnachtsmarkt von „Jan Karlsgården“ zeigen, einer Art Freilichtmuseum in Sund, das direkt neben dem einzigen mittelalterlichen Schloss des Archipels liegt, Kastelholm. Es sind etwa zwanzig Holzgebäude unweit der steinernen Architektur aus dem Mittelalter. In „Jan Karlsgården“ soll man einen Eindruck vom einstigen bäuerlichen Leben auf den Inseln erhalten, allerdings nur zwischen Mai und September.

Die kleine Weihnacht

Hier wird traditionell die Maistange für Mittsommer errichtet, und im Dezember findet eben ein Weihnachtsmarkt statt. Viele sagen, es sei der schönste auf ganz Åland. Als sich der Nieselregen in ein flockiges Schneetreiben verwandelt, scheint die Kulisse perfekt zu sein. Doch nichts davon bleibt.

Wo man dem Julbock begegnet.

An den Ständen wird neben Gestricktem und Gebasteltem auch Räucherfisch und viel Sanddornsaft verkauft. Mit seinem hohen Vitamin-C-Gehalt ersetzt er Zitrusfrüchte perfekt. Es gibt sogar Glögg auf Sanddornbasis, allerdings nicht in Bechern zum Probieren. Ansonsten ist Glögg sehr präsent. Und dann sagt Riita es: „Heute Abend wird Lillajul gefeiert.“ Die kleine Weihnacht. Sie kennt das schon aus ihrem Geburtsort Tampere, in Finnland spricht man von pikkujoulu, während es in Schweden nicht bekannt ist.

Lillajul hat einen festen Termin: Es geht immer um den Samstag vor dem ersten Advent, also jetzt. Heute Abend schmücken die Familien einen kleinen Weihnachtsbaum, und wenn die Kinder Glück haben, kommen die Wichtel und bringen kleine Geschenke vorbei. Zum ersten Mal werden alle Kerzen angezündet, die gemütliche Weihnachtszeit beginnt.

Havtorn = Sanddorn

Für einige ist es eine gute Gelegenheit, zusammen mit Freunden zu feiern, während das eigentliche Weihnachtsfest eine familiäre Angelegenheit ist. Die Erwachsenen gehen gerne essen, entweder zum Julbord im Restaurant, dem typischen Weihnachtsbuffet, oder man trifft sich zu Hause.

Ein Vorgeschmack auf das Lucia-Fest

Auf Åland gehört der Besuch von „Jan Karlsgården“ dazu, hier trifft sich quasi die ganze Insel an Lillajul. Und es ist gewiss das einzige Mal im Jahr, das eine entfernt an städtische Verhältnisse erinnernde Parkplatzsituation schafft. Während wir über den kleinen, feinen Markt schlendern, trifft Riita eine Freundin, die auf dem Weg zum letzten Lucia-Singen vor der Wahl ist.

Auf zum Schloss!

Spontan schließen wir uns an und statten Schloss Kastelholm einen Besuch ab, wo wir dem Gesang der Mädchen lauschen dürfen. Glögg & Pepparkakor gibt es dazu, Glühwein ohne Wein mit Rosinen und Mandeln und dazu Ingwerplätzchen. Grundsätzlich wird zwischen Vinglögg und Saftglögg unterschieden.

Die Lucia-Anwärterinnen im Alter zwischen 17 und 20 Jahren betreten den gut gefüllten Raum. Ihre Stimmen klingen so abwechslungsreich wie ihre Art zu interpretieren, was vor allem bei den Solos auffällt. Ein Solo ist allerdings kein Muss für die Teilnahme. Meist wäre es wohl so, erzählt Riita, dass diejenige mit der größten Familie und dem umfangreichsten Bekanntenkreis gewinnt.

Wichte pflastern meinen Weg.

Heute werden nicht die typischen Lucia-Lieder gesungen, sondern stimmungsvolle Klassiker wie „Bridge over troubled water“ – in der schwedischen Version. „Keine macht es, um zu gewinnen“, meint Riita. Das Publikum hört gebannt zu und freut sich schon jetzt auf das Lucia-Fest, den 13. Dezember, wenn die Lichterkönigin mit Gesang und Gebäck die Herzen der Menschen erfreut.

Darf es ein bisschen Tomtegröt sein?

Mir wird immer klarer, dass die Schweden, die Åländer und die Finnen einfach das Optimum aus der Vorweihnachtszeit herausholen. Warum auch nicht. Es ist schließlich die dunkelste Zeit im Jahr, da kommt eine Lichterkönigin gerade recht. Und auch Lillajul. Im nächstes Jahr werde ich versuchen herauszufinden, wie es in Dänemark oder Norwegen oder Island läuft.

Alex vom „Smakbyn“-Team

Riita und ich nehmen ein kleines Lunch im nahen Restaurant „Smakbyn“, wo nordische Genüsse von Chef Michael Björklund, kurz Micke genannt, und seinem Team zubereitet werden. Gerade sind alle eifrig dabei, das Buffet für Lillajul aufzubauen. Zum Mittagessen gibt es Tomtegröt, in Milch gekochte Hafergrütze, die wahlweise gezuckert und mit Zimt bestreut werden kann, dazu ein Schinkenbrot.

Als wir schon gehen wollen, treffen wir noch auf Jenny, Mickes Frau, die sich mit einem hübschen Elchgeweih aus Filz dekoriert hat. Sie erzählt uns, dass sie am frühen Morgen einem echten Elch auf der Straße begegnet ist, zum Glück hat er nur dort gestanden und sie angeschaut. Auch auf den Åland-Inseln sind Begegnungen mit dem scheuen König der Wälder stets mit der Angst vor einem Autounfall verbunden.

Hans und Jackie von Björnhofvda Gård

Riita will mich nun in den Westen des Archipels bringen, nach Eckerö. Hoffentlich elchlos durch die Dunkelheit. Irgendwann hört die beleuchtete Straße auf, wir biegen auf eine schmalere Strecke in Richtung „Björnhovfda Gård“ ab, das mein Zuhause für die nächsten Tage wird. Der Regen hat aufgehört, als wir bei Jackie und Hans Lindmark eintreffen, die genau wie das „Smakbyn“-Team mit dem Buffet für Lillajul beschäftigt sind.

Am Anfang ist der Glögg

Hier draußen auf Eckerö findet das Julbord in einem intimeren Rahmen in den weihnachtlich präparierten Räumlichkeiten statt. Ein Stil, irgendwo zwischen skandinavisch und englisch mit einer guten Portion Nostalgie. Außer mir treffen noch drei Familien fürs Julbord ein, denn Björnhovfda funktioniert nicht nur als Bed & Breakfast, sondern auch als Restaurant an ausgewählten Tagen.

Alle außer mir haben sich feingemacht für Lillajul. Wieder wird mit einem Gläschen Glögg und Ingwerplätzchen im Salon begonnen, so nach und nach verlagert sich die Aktivität dann ins Restaurant. Hans versorgt mich mit Empfehlungen und bringt Rotwein ebenso wie Schnaps, der mit Tanne und Beeren aufgesetzt ist. Denn Schnaps gehört zu jedem Julbord dazu.

So klein ist der Weihnachtsbaum zum Lillajul doch nicht!

Klassiker wie Janssons Frestelse ebenso wie diverse Arten von eingelegtem Hering, Grünkohl, Rosenkohl, Lachs und Köttbullar. Ich liebe Janssons Versuchung, ein Auflauf aus Kartoffeln, Zwiebeln, Anchovis und Sahne. Einfach und köstlich. Mehr brauche ich theoretisch nicht. Doch Jackie und Hans machen mich auf die anderen Köstlichkeiten aufmerksam, und ich gelobe, hier und dort kleine Häppchen zu probieren.

Und überall das Meer

Meine persönliche Neuentdeckung ist im Ofen gebackenes Steckrübenmus. Dafür werden die Steckrüben zunächst gekocht, zerkleinert, mit Sahne und Sirup „veredelt“, und dann kommt das Ganze noch in den Ofen mit etwas Butter on top. „Das essen sie in Finnland, in Schweden eher nicht. Es passt gut zum Weihnachtsschinken“, erklärt Jackie.

Schön war’s, mein erstes Lillajul.

Die Åland-Inseln, in der Mitte zwischen Schweden und Finnland, vereinen eben beides auf ideale Weise. Beim zweiten Gang zum Hauptbuffet, also noch vor dem Dessertbuffet mit Safrangebäck, -pannacotta, Milchreis und Pralinen, spricht mich ein älterer Herr auf Schwedisch an. „Sorry“, sage ich. Denn mein Schwedisch-Kurs gerät immer wieder ins Stocken. „Do you live here?“, will er wissen. Leider nur für ein paar Tage, antworte ich auf Englisch.

Steinhuder Meer – Radfahren am größten See Nordwestdeutschlands

But first: Fischbrötchen in Steinhude

Und so ging es an diesem warmen Spätsommertag mit zwei Autos und vier Fahrrädern in Richtung Hannover. Früher war ich oft dort, weil meine Großeltern dort wohnten, aber seit sie nicht mehr leben sind die Hannover-Besuche selten geworden. Eigentlich müsste ich auch da unbedingt nochmal hin, schließlich habe ich nicht wenige Ferien dort in der „Großstadt“ verbracht.

In Steinhude angekommen, stellen wir wie schon früher die Autos auf dem Großparkplatz ab und machen uns mit den Rändern auf den Weg in den Ortskern. Erste Station: Die Fisch- und Aalräucherei Schweers, wo wir uns erst einmal für ein frühes Mittagessen direkt am Seeufer niederlassen.

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Was früher ein ganzer Tagesaussflug war, ist  heute locker in zwei Stunden (reine Fahrzeit) zu schaffen – nämlich eine komplette Umrundung des Sees mit dem Fahrrad, die rund 30 Kilometer misst. Noch dazu ohne Höhenunterschiede, denn die Landschaft rund um das Steinhuder Meer ist platt wie eine Flunder. Vielleicht mochten wir als Kinder den See als Fahrradsausflugsziel auch deshalb so viel lieber als den Harz.

Jedenfalls braucht man sich als Erwachsener nicht hetzen und kann auch erst einmal mit einem Mittagessen die Tour beginnen. Nach dem Essen schauen wir uns noch ein wenig die Uferpromenade an und schwelgen in alten Erinnerungen bis wir uns schließlich auf unsere Räder schwingen und zur Umrundung gegen den Uhrzeigersinn aufbrechen.

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Immer wieder unterbrechen lohnenswerte Aussichtspunkte die Fahrt, zu denen man oft nur zu Fuß über Holzstege gelangt. Hier erfährt man ganz nebenbei noch ein paar Dinge über den See und seine Flora und Fauna, die man im besten Falle auch live und in Farbe zu sehen bekommt. Auch der Radweg ist alles andere als langweilig. Mal führt er über weite Felder vorbei an alten Bauernhöfen, mal durch dichte Birkenwälder, mal direkt am Seeufer entlang.

Badestopp in Mardorf

Plötzlich taucht auch schon der Strand von Mardorf vor uns auf, dem zweiten größeren Ort am Steinhuder Meer, der ziemlich genau auf der gegenüberliegenden Seite von Steinhude liegt. Gefühlt kaum erst losgefahren ist also jetzt schon die Halbzeit der Tour erreicht und damit der obligatorische Badestopp. Mardorf besitzt nämlich einen wunderschönen Sandstrand, den man bei entsprechendem Wetter unbedingt auskosten sollte.

Also nichts wie raus aus den Fahrradklamotten (die zugegebener Maßen in Anbetracht der leichten Tour etwas over-the-top sind) und rein in die Badesachen. Das Steinhuder Meer hat tatsächlich eine Maximaltiefe von drei Metern und vom Ufer aus kann man vielerorts hunderte Meter weit in den See hinein laufen, bevor man nicht mehr stehen kann. Soweit bin ich ehrlich gesagt gar nicht gekommen. Nach dem Bad gibt es noch ein Stieleis und einen kleinen Spaziergang (mit Yogaeinheit) auf dem Steg bevor die Tour in die zweite Runde geht.

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Durch weite Wiesen und Felder

Hinter Mardorf verabschiedet sich der Radweg zunächst für ein längeres Stück vom Seeufer und führt statt dessen durch weite Feldlandschaften im Hinterland des Sees. Es ist bereits Nachmittag und so sind die meisten Urlauber schon bei ihrem Feierabendgetränk in der Unterkunft angekommen – jedenfalls begegnen wir hier hinten nur noch wenigen anderen Radfahrern und Wanderern. Dafür treffen wir auf andere Zeitgenossen, wie Gänse, die in großen Kolonien die mohrige Sumpflandschaft bewohnen. Und Kühe.

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Das Beste kommt zum Schluss: Der schönste Platz am Steinhuder Meer

Nachdem wir den Hagenburger Kanal, einen kleinen Zulauffluss, passiert haben nähern wir uns langsam wieder dem Seeufer und fast auch schon dem Ende der Tour. Doch die schönste Sicht auf den See steht noch aus. Die erwartet uns an der Mündung des kleinen Kanals in den See. Vor uns breitet sich ein weiter Blick über die spiegelgatte Seelandschaft aus, die gerade jetzt in den frühen Abendstunden in ein besonders schönes Licht getaucht wird.

Wir setzen uns auf eine der zahlreichen Bänke und genießen für einen Moment die friedliche Atmosphäre, bevor wir das letzte Stück nach Steinhude antreten.

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Wenig später erreichen wir nach vier Stunden unseren Startpunkt Steinhude. Leider haben die kleinen Geschäfte im historischen Mühlenviertel der Stadt bereits geschlossen, sonst hätte ich sicher noch den ein oder anderen Blick riskiert. Und so holen wir nur unser bereits am Mittag reserviertes Fischpaket für den Abend ab und machen uns auf den Heimweg.

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Auch wenn ich mit dem Steinhuder Meer zahlreiche Kindheitserinnerungen verbinde und der Ort so für mich natürlich eine ganz besondere Bedeutung hat, kann ich auch ganz objektiv sagen, dass er wirklich mit den Brandenburger oder Mecklenburger Seen mithalten kann, die ich bisher besucht habe.

Wenn ihr also mal in Hannover und umgeben sein solltet und das Wetter mitspielt, kann ich einen kleinen Abstecher nur empfehlen. Ganz besonders natürlich wenn ihr nicht nur Radfahren und Baden sondern auch Stand-up-Paddeln wollt. Das geht dort nämlich auch ganz großartig und ich habe mir beim Anblick der anderen SUPer nichts sehnlicher als mein Board gewünscht. Aber man kann ja schließlich nicht alles haben. Dem Freund hat es übrigens auch gut gefallen. Damit wäre dann auch bewiesen, dass die Faszination nicht nur an meine eigenen Kindheitserinnerungen geknüpft ist.

Alpenüberquerung – zu Fuß von Oberstdorf nach Meran {E5 | Teil 1}

Tag 1: Von Oberstdorf zur Kemptner Hütte

[6,5 km |↟900m |↡50m | Gehzeit: 3 Std.]

Berggasthof Spielmannsau

Hier geht’s ganz offiziell los: Berggasthof Spielmannsau

Die erste Etappe. „Vom Papier her“ die einfachste. Als ich am Bahnhof in Oberstdorf ankomme, springe ich sofort in einen überfüllten Kleinbus zum Gasthof Spielmannsau. Von dort aus soll es offiziell losgehen. Schon komisch, wenn man alles alleine macht, denke ich da noch. Als wir ankommen gehe ich einfach mal los. Ganz bewusst höre ich in mich hinein. Sitzen die Schuhe? Wie schwer ist der Rucksack? Lauftempo okay? Wie ist jetzt sonst alles? Ich bin besonders aufmerksam, weil es nun beginnt, dieses große Vorhaben. Es liegt an mir allein, es anzugehen. Vor mir liegen die Alpen, ein Weg führt geradeaus – viel kann man nicht falsch machen in diesem Moment.

Alpenüberquerung E5

Die ersten Meter meiner Alpenüberquerung. Ganz allein bin ich nicht.

Ich komme bald durch ein schattiges Waldgebiet, eine Wohltat an diesem schwülen Mittag. Mein Rucksack wiegt ca. 8 Kilo. Für jemanden, der hauptsächlich Tagestouren macht, eine ungewohnte Belastung. An der Gepäckseilbahn zur Kemptner Hütte gebe ich einen Großteil davon ab und gehe den Anstieg unbeschwerter an. Eine steile Schneise führt ab hier über nasse Felsen. Schmelzwasser flutet den mit Seilen gesicherten Weg. Doch es ist die reine Freude hier zu gehen: Ich habe ein überwältigendes Alpenpanorama im Rücken und ein Kribbeln im Bauch. Plötzlich bin ich mittendrin. In meinen Schritten liegt die Zuversicht auf ein irres Abenteuer. Die Kemptner Hütte erreiche ich nach ca. 3,5 Stunden.

Weg zur Kemptner Hütte.

Rechts: immer wieder überflutete Passagen auf dem Weg zur Kemptner Hütte.

Dort durchlaufe ich eine Routine, die sich bald einschleifen wird: Zuerst ziehe ich unten im Schuhraum die schlammigen Treter aus und stelle sie zu den anderen ins Regal. Dann melde ich mich beim Hüttenwirt, besorge gleich eine Duschmarke, stelle meinen Rucksack ans „Bett“ und mich in die Schlange für die Dusche. Ja, genau. DIE Dusche. In vielen Hütten gibt es wirklich nur eine. Die Marke erhitzt das Wasser für 2 himmlische Minuten. Dann geht’s in die Stube zum Abendessen. Am ersten Abend habe ich noch die Illusion, ich würde alleine bleiben und nehme mein Notizbuch mit in den Saal. Doch zum Schreiben komme ich nicht. Ein paar Wanderer, die ich auf dem Weg kennenlernte, rufen mich an ihren Tisch. Wir tauschen uns aus und es wird schnell klar, dass man sich aneinander gewöhnen wird: Wir gehen alle dieselbe Strecke auf dem europäischen Fernwanderweg E5.

Kemptner Hütte

Meine erste Herberge: Die Kemptner Hütte.

Wanderstöcke und Wanderschuhe

Es gibt einen Schuhraum und sogar einen Trockenraum in der Hütte.

Aussicht Kemptner Hütte

Tag 1: Sofort mittendrin im Alpenpanorama.

Tag 2: Kemptner Hütte – Memminger Hütte

[13 km |↟1000m |↡900m | Gehzeit: 10,5 Std.]

Für mich eine extrem schwierige Etappe. Mehr als das. Ein Gewaltmarsch wie er im Buche steht, um ehrlich zu sein. Daran bin nur ich selber Schuld.

Schon am Morgen, beim Abstieg von der Kemptner Hütte, wähle ich die etwas längere Route ins Tal, weil ich unbedingt über eine beeindruckende Hängebrücke gehen möchte. Ich laufe am Mädelejoch und schließlich an der Roßgumpenalm vorbei und verzichte bis Holzgau, dem ersten Zwischenziel, auf eine Rast. Dort springe ich zumindest für einen kurzen Abschnitt in den Linienbus (bis Bach). Die 5 Minuten Fahrtzeit reichen offensichtlich aus, um ein Leberkäsbrötchen zu essen und eine folgenschwere Entscheidung zu treffen: Aller Hinweise zum Trotz entscheide ich mich den Teilabschnitt durch das Madautal zu laufen. Die anderen Wanderer besteigen unterdessen Sammeltaxis. Diese brausen auf dem Weg immer wieder an mir vorbei, ungläubige Augenpaare hinter der Fensterscheibe kreuzen jedesmal kurz meinen Blick. 

Alpenüberquerung E5

Am Morgen des zweiten Tages verlasse ich Deutschland.

Hängebrücke Holzgau E5

Links: einsamer Gang durch’s Madautal. Rechts: die Hängebrücke vor Holzgau.

Als ich an der Materialseilbahn vor dem finalen Aufstieg zur Memminger Hütte ankomme, habe ich meine physischen Kräfte für den Tag fast aufgebraucht. Im Kopf sieht es anders aus. Ich fühle mich fit, stabil, optimistisch und offensichtlich auch plötzlich zu stolz, meinen Rucksack abzugeben. Wozu dieser lächerliche Hochmut? Daran scheitern Bergexpeditionen, liest man oft. Soviel steht zum Glück nicht auf dem Spiel. Keine Besteigung des Mount Everest, nur ein letzter giftiger, steiler Anstieg, der mit 2-3 Stunden Gehzeit angegeben ist. 

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Dennoch sind es genau die letzten Hüttenaufstiege am Etappenende, die diese Alpenüberquerung so intensiv machen. Ein schmaler Pfad windet sich bergan. Die Hitze lungert am exponierten Westhang des Seekogels, der Sonnenbrand kribbelt längst im Nacken und ich, ich sammele Schritt für Schritt Höhenmeter. Mein Ziel, die Memminger Hütte, liegt auf 2242 Metern, von denen man fast 700 über diesen letzten Anstieg aufsteigt. Einzelne Schweißtropfen fallen bei jedem Schritt von meiner Stirn auf die trockenen Steine zu meinen Füßen. Mein Hemd ist inzwischen nass und schwer wie ein Putzlappen. Die Erschöpfung appelliert immer beharrlicher an den Verstand, man könne es ja jetzt, nach inzwischen 9 Stunden Laufzeit, langsam mal gut sein lassen.

Das sanfte Plätschern eines Baches bringt Erleichterung. Ich fülle die Wasserflasche auf, trinke sie fast in einem Zug aus und halte sie gleich nochmal in den kühlen Strom. Dann laufe ich wieder. Die idyllische Ruhe draußen kommt in meinem Kopf nicht an, weil ich hörbar atme und mein Puls so pumpt. „1,5 Stunden bis zur Memminger Hütte“ steht auf dem Wegweiser und das an einem Punkt, an dem ich dachte, ich sei fast da. Keine erfreuliche Nachricht in diesem Moment. Plötzlich fallen Regentropfen aus dem sonnigen Himmel. Ich werde nachlässig, hole das Regencape nicht aus dem Rucksack und lasse mich wehrlos beregnen, weil mir dieser minimale Vorgang schon zu aufwendig erscheint. Mein Blick hat sich längst auf das wesentliche verengt  – immer weiter aufzusteigen.

Unverhofft tut sich die Hütte nach einer Abbiegung vor mir auf. Ein paradiesischer Moment ist das, wie ich meinen Weg plötzlich durch eine weidende Herde edler Haflinger bahne, um zum nun sichtbaren Ziel zu kommen.

Alpenpferde

Als ich etwas unrund in die Hütte trete, sind die meisten anderen Wanderer längst da. Hochbetrieb in der Stube: „Maderl, bringst uns no a Bier“, schnappe ich im Vorbeigehen auf und bekomme einen Eindruck von dem, was wohl gemeint sein muss, wenn vom „gemütlichen Hüttenleben“ die Rede ist. Ich folge meiner abendlichen Routine. Mein Platz im Schlaflager ist diese Nacht besonders begrenzt: ein Koloss von Mensch liegt praktisch Schulter an Schulter mit mir und schnarcht mir direkt in den Gehörgang. Ich muss trotzdem irgendwann eingeschlafen sein. Der Tag hat seine Spuren hinterlassen.

Bettenlager Memminger Hütte

Tag 3: Memminger Hütte – Zams Venet Gipfelhütte

[14 km |↟650m |↡1450m | Gehzeit: 6 Std.]

„Erstaunlich wie schnell der Körper regeneriert“, denke ich noch, als ich gegen 6:20 Uhr meine Schüssel Cornflakes zum zweiten Mal auffülle. Dann das Gedränge unten im Schuhraum. Der Blick durch die kleinen Fenster aus der Hütte ist keiner: Das Draußen ist grau und nass. Aber es hilft ja alles nichts, sagt man sich hier. Es muss jetzt trotzdem losgehen, schließlich ist die Etappe streng durchgetaktet. Die Leute versiegeln sich selbst und ihre Rucksäcke so gut es geht. Auch ich lege Gamaschen an: Laufen mit nassen Socken möchte ich um jeden Preis vermeiden.

Wie an der Kette gezogen gehen die neonfarbenen Wanderer durch eine steingraue Landschaft bergwärts davon. Die Wolken gleiten direkt über den Boden, man hört nur den Regen gleichmäßig deckend auf das dumpfe Terrain fallen. Es geht bald hinauf zur Seeschartenspitze, ein Nadelöhr auf 2705 Metern. Wenn die Steine nass sind, erfordert das immer besondere Konzentration beim Aufstieg.

Chris aus Nürnberg, mit dem ich noch häufiger abends zusammensitzen werde, steigt mir plötzlich entgegen. Ein Kumpel von ihm kommt nicht nach: Thomas, der sich diese Alpenüberquerung trotz offensichtlich mangelnder Fitness zutraut. Ich gehe weiter nach oben. Die Seeschartenspitze ist ein kleines Felsentor, das man durchschreiten muss, um dann auf der anderen Seite den Berg hinabzusteigen. Es staut sich ein wenig auf den letzten Metern. Zur schlechten Sicht am rutschig-nassen Hang, kommt jetzt auch noch der schwierige, beseilte Schlussakt. Manche werden nervös. „Des kannst weglassen!“ krächzt eine Frau, als ihr Partner ihr unterstützend die Hand reichen möchte, „Des ganze Ding hier is die Obergrütze!“ Ich male mir aus, wie sie von vornherein keine Lust hatte, aber ihm zu liebe dieser Alpenüberquerung zugesagt hat. Und nun, an Tag zwei bröckelt auch ihre Toleranz, im Angesicht des schottrigen Karsthangs kurz vor der Seeschartenspitze.

Der folgende Abstieg bereitet mir eher Probleme, immer wieder schlittere ich unkontrolliert auf dem Geröll. Erst später lese ich im Wanderführer, der Abschnitt sei „kein großes Vergnügen“. Auf Wanderstöcke hatte ich bewusst verzichtet, ich möchte meine Hände viel lieber frei haben, aber ich beobachte, wie andere diese nun nutzen um sich langsam hinabzutasten.

Alpen Flora Fauna

An der Oberlochalm im Tal ist zwar heute Ruhetag, trotzdem setzen sich einige auf die leeren Bänke vor der Hütte. Mal durchschnaufen nach dem nervenaufreibenden Abschnitt. Ein Ehepaar wirkt angeschlagen, die Frau redet offen über’s Aufgeben. Jörn hingegen, mit dem ich während der Tour immer wieder einzelne Abschnitte laufe, ist stets frohen Mutes. Er reicht mir ein Stück Tiroler Speck auf der Messerkante. Die Alpen sind sein Sehnsuchtsziel: „Wir fahren so oft es geht in die Berge“. Für ihn kommt nichts anderes in Frage: „Einmal waren wir an der Ostsee“, sagt er „aber da ist ja nichts.“ Er träumt vom Kilimanjaro. Irgendwann. Ich schütte ihm ein paar meiner Nüsse in die Handfläche und ziehe weiter.

Alpenüberquerung E5

Der Sonne entgegen ins Inntal

Bis zum Etappenende in Zams geht es nun bergab. Offizielle Mittagspause läute ich in der Unterlochalm ein. Familie Krißmer hat zünftige Brotzeiten für hungrige Wanderer vorbereitet. Mir tut es ein wenig Leid, wie viele nett angerichtete Teller mit Speck, Gurken und Brot hier unverkauft stehen. Der Sohn der Familie sagt ganz enttäuscht, sie hätten extra soviel vorbereitet, weil sie dachten, dass mehr Wanderer hier rasten würden. Ich nehme ihm einen Teller ab und setze mich.

Brotzeit Österreich
Alpenüberquerung E5 Kühe